Der Russland- Beauftragte der Bundesregierung, Dirk Wiese, betonte in einem Interview mit dem ZdF am 31. Januar, einer der Gründe, warum das Pipeline-Projekt Nord Stream 2 befürwortet werden sollte, sei der in Deutschland für 2038 geplante Ausstieg aus der Kohle und der Ausstieg aus der Atomkraft bereits im Jahr 2022. Der Beschluss war  ja nach dem AKW-Unglück im japanischen Fukushima im März 2011 bereits  gefasst worden.

"Wir brauchen Erdgas ...", Russlandbeauftragter Dirk Wiese (links) hier im Gespräch mit dem ehemaligen Innenminister Thomas de Maizere und Heiko Maas, vorn, bild Henning Schacht
“Wir brauchen Erdgas …”, Russlandbeauftragter Dirk Wiese (links) hier im Gespräch mit dem ehemaligen Innenminister Thomas de Maizere und Heiko Maas, vorn, bild Henning Schacht

Potenzielle Probleme in der Energiewirtschaft ließen sich durch eine intensivere Verwendung von Erdgas überwinden, äußerte  Wiese im ZdF- Interview und wurde mit seinen Worten gleich von der von Moskau gesteuerten Nachrichten-Agentur Sputnik-news zitiert.

Dirk Wiese wörtlich: „Wir steigen 2038 aus der Braunkohle aus, wir steigen aus der Kernkraft aus“, sagte er. „Wir wollen hin zu 100-Prozent-Energien. Und um diese Übergangszeit zu schaffen, brauchen wir Erdgas.“

Zugleich verwies der Politiker darauf, dass Russland schon immer „ein sicherer Lieferant“ gewesen sei. Deshalb „halten wir an Nord Stream 2 fest“, betonte er. Die jüngste Kritik des US-Botschafters in Berlin, Richard Grenell,  an dieser Position nehme man „mit Erstaunen zur Kenntnis“.

Sputnik argumentierte aber auch mit den Erkenntnissen von eigenen, russischen Fachleuten: „Beim Kohleverzicht geht es um eine bewusste Politik, die schon seit mehreren Jahren ausgeübt wird“, stellte der Direktor des russischen Forschungszentrums für globale Energiemärkte, Wjatscheslaw Kulagin, gegenüber dem Portal Rueconomics fest. Das sei nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern Europas ein sensibles Thema, weil damit etliche soziale Fragen verbunden seien.

„Für viele Städte sind Kohlebergwerke systembildende Betriebe, die ihren Einwohnern Arbeitsplätze bieten“, unterstrich der Experte. „Dennoch hat sich Deutschland für den Ausstieg aus der Kohleindustrie entschieden, weil Kohle aktuell der umweltschädlichste Brennstoff ist.“ Einige Zeit lang habe es noch Hoffnungen auf neueste Reinigungstechnologien gegeben, doch die Ausgaben für ihre Entwicklung seien dermaßen groß gewesen, dass es einfacher sei, auf alternative Energiequellen zu setzen, vor allem auf Erdgas, erläuterte Kulagin.

Was die Atomenergie angehe, so habe sie sich in Deutschland durchaus erfolgreich entwickelt, fuhr der Experte fort. Aber nach der Tschernobyl-Katastrophe 1986 habe man in Berlin erste Bedenken gehabt, und das ähnliche Unglück in Japan 2011 habe bei den Deutschen das so genannte „Fukushima-Syndrom“ ausgelöst, und Berlin habe den Ausstieg aus der Kernkraft beschlossen.

„Eine ganze Reihe europäischer Länder ist denselben Weg gegangen und hat die Umsetzung ihrer Pläne gestoppt“, so Kulagin weiter. „Das war eine ziemlich lange Pause, aber die deutsche Regierung ist überzeugt, dass mit der Atomenergie ziemlich große Gefahren verbunden sind, so dass es besser wäre, alle Kernkraftwerke auf dem Territorium des Landes zu schließen. Also gibt Deutschland allmählich die Kohleindustrie auf, und auch die AKW werden geschlossen. Und es wird in einigen Jahren eine Nische entstehen, die mit etwas gefüllt werden müsste – und da gibt es nur wenige Alternativen: entweder Erdgas oder erneuerbare Energiequellen.“

Und dann betont der russische „Experte“, wie er in Moskau genannt wird, Erdgas sei aber vorteilhafter, denn erneuerbare Energiequellen gebe es nicht so viele, und sie müssten fast immer von traditionellen Quellen „gedoubelt“ werden.

Sputnik zitiert in dem Bericht aber auch gerne noch mal die Zeitung „Die Welt“, die  vor kurzem die Ergebnisse einer Studie veröffentlicht, der zufolge die Nachfrage nach russischem Gas in Europa schon 2025 auf 409 Milliarden Kubikmeter pro Jahr anwachsen würde.

Und dann wird auch noch Igor Juschkow von der Finanzuniversität bei der russischen Regierung ins Spiel gebracht.  Der führt an, dass Russlands Anteil in den vergangenen Jahren ständig wachse – unabhängig von Angeboten der Konkurrenz und von den europäischen Plänen zur Diversifizierung ihrer Energiequellen. Zugleich verwies der Experte darauf, dass Erdgas für Deutschland und auch andere europäische Länder nicht nur aus rein wirtschaftlicher Sicht nützlich sei, sondern auch für die europäische Tagesordnung auf dem Gebiet Klimaschutz eine wichtige Rolle spiele.

 

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